Festrede zum 100 jährigen Bestehen
Chronik 100 Jahre VDB Kassel 1884

Festrede des 1. Vorsitzenden

Ein seltenes Jubiläum gibt immer Anlass auf Vergangenheit, Entwicklung und Zusammenhänge zurückzublicken. Als vor 100 Jahre der Verein gegründet wurde, gab sich die junge Verbindung den Namen "Techniker-Verein Cassel". Am 5. Januar 1884 hatten sich auf Anregungen der Kollegen Gg. Theis, W. Böttner und O. Gebhardt siebzehn Techniker zusammengefunden. Sie wollten ihrem Berufsstand das gebührende Ansehen verschaffen, durch Wahrung und Förderung gemeinsamer Interessen, mit beruflicher Weiterbildung und durch die Pflege freundschaftlicher Geselligkeit. Noch im gleichen Jahre wuchs die Mitgliederzahl auf 37 und der junge Verein wurde Mitbegründer des "Deutschen Techniker-Verbandes", der es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, den Techniker-Stand zu fördern und für die sozialen Belange seiner Mitglieder einzutreten.

Die Jahre verliefen in reger Tätigkeit und mit wechselndem Erfolg. Neben fachlichen Vorträgen, Besichtigungen und kleineren Wettbewerben, kamen Geselligkeit und Vergnügen nicht zu kurz. Manches Fest im "Palais-Restaurant", im "Kaufmannshaus" oder im "Schloss Weißenstein" stand unter der Devise:

Ich lobe mir den heitern Mann
Am meisten unter meinen Gästen!
Wer sich nicht selbst zum Besten haben kann,
Ist selbst nicht einer von den Besten!
Goethe

Das fünfundzwanzigjährige Stiftungsfest wurde 1909 glanzvoll unter dem Vorsitzenden Heinrich Eichel im "Kaufmannshaus" gefeiert. Viktor Feigl vom Staatstheater schrieb dazu das Festspiel "Weihe der Technik".

Als 1912 infolge der sich mehrenden Wirtschafts- und Lohnkämpfe die Verschmelzung des "Techniker-Verbandes" mit dem "Bund der "techn.-industriellen Beamten" beschlossen wurde, trat der "Techniker-Verein Kassel 1884" aus, um in Unabhängigkeit und Selbstständigkeit seine ursprünglichen Ziele von 1884 weiter zu verfolgen.

Die Vorstandsgeschäfte übernahmen die Kollegen Heinrich Rammenzweig (1. Vorsitzender), Karl Hagen (Schriftwart), Paul Weimann (Kassenwart).

Der 1. Weltkrieg bedingte die Stilllegung der Vereinstätigkeit. Das Vereinsvermögen wurde zur Unterstützung von Angehörigen gefallener Mitglieder und für Liebesgaben hingegeben.

Erst im Jahre 1922 fanden die Mitglieder wieder zueinander. Der alte vorstand hatte es nicht leicht, in den Zeiten der rapide um sich greifenden Inflation, Veranstaltungen für die einhundert Mitglieder durchzuführen. Doch nach der Stabilisierung der Reichsmark im Jahre 1923 lebt die Bautätigkeit wieder auf und im "Techniker-Verein" erfreute man sich an schönen Stunden froher Geselligkeit.

In den Jahren nach 1929, die durch das Gespenst der Arbeitslosigkeit überschattet wurden, gestalteten sich die traditionellen Feste nicht mehr so glanzvoll.

Bis zum Jahre 1931 führte der alte Vorstand den Verein. Dann schieden auf eigenen Wunsch die Kollegen Rammenzweig - er wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt - und Weimann aus der Leitung aus. An ihre Stellen traten die Kollegen Reinhard Schleiden als. 1. Vors. und Albert Groszek als Kassenwart; Karl Hagen blieb Schriftführer.

Trotz der politischen Umwälzungen im Jahre 1933 blieb der Verein von Gleichschaltung u. ä. verschont.

Das 50jährige Bestehen wurde 1934 im großen Stadtparksaal in glanzvollem Rahmen gefeiert; unter dem Motto (wieder von Goethe):

    Wer lebt in unserem Kreise und lebt nicht fröhlich drin?
    Genießt die freie Weise und treuen Brudersinn!
    So bleibt durch alle Zeiten Herz Herzen zugekehrt,
    Von keinen Kleinigkeiten wird unser Bund gestört!

Noch ging alles seinen gewohnten Gang. Der 1. Vorsitzende schied 1937 infolge Versetzung aus; an seine Stelle trat Kollege August Lasch.

1939 - der zweite Weltkrieg!

Am 22. Oktober 1943 fegte der große Feuersturm über Kassel und nahm auch dem "Techniker-Verein", dessen Tätigkeit durch den Krieg völlig zum Erliegen gekommen war, sein gesamtes Eigentum; alle Akten und unersetzliche Andenken wurden vernichtet. Am Ende des Krieges in 1945 bot unsere Heimat ein grausiges Bild der Zerstörung.

Obwohl die Besatzungsmächte jede Vereinsbildung untersagt hatten, unternahmen dennoch einige bewährte Kollegen den Versuch, durch kleine Zeitungsanzeigen, schriftliche und mündliche Benachrichtigungen ehemaliger Kollegen, den Verein wieder zu beleben.

In der ersten Versammlung am 14. Juni 1949 im Ratskeller trafen sich nicht nur alte Mitglieder. Eine große Zahl junger Kollegen hatte sich eingefunden, und die Mitglieder des vor dem Kriege bestehenden AHV - ehemalige Baugewerkschüler - schlossen sich dem Verein an. Die Initiative ging von den Kollegen Gustav Römer, Wilhelm Reiß, Albert Gerke und Heinrich Großmann aus. Die Leitung des Vereins, der den Namen "Techniker-Verein 1884, Vereinigung der Baumeister und Bauingenieure" erhielt, wurde in die Hände der Kollegen Heinrich Großmann (1. Vorsitzender), Karl-Heinz Scheibe (2. Vorsitzender), Wolfgang Hagen (Schriftführer) und Albert Groszek (Kassenwart) gelegt.

In der Monatsversammlung vom 19.06.1951 gab sich der Verein seinen heutigen Namen:

    "Verein der Bauingenieure Kassel 1884 e.V.".

Unter diesem Namen entwickelte sich eine äußerst rege Vereinstätigkeit, wie sie früher in den besten Jahren des alten Techniker-Vereins zu verzeichnen war und die sich in zahlreichen Vorträgen auf den Gebieten der Technik, der Kunst und Wissenschaft von Jahr zu Jahr weiter entwickelte. Hinzu kamen Besichtigungen von interessanten Bauanlagen und Industriewerken, geschmackvoll aufgezogene Vergnügungen und lustige Maskeraden - hier sein an die "Mischmaschine", den Clou der jährlichen Karnevalsveranstaltungen bei Henkel in den fünfziger Jahren erinnert - Kinder- und Sommerfeste auf Bergfreiheit und die beliebten Weihnachtsvorfeiern, die der Vergnügungsausschuss variantenreich und stets gelungen vorbereitete.

1959 wurde das 75jährige Stiftungsfest mit einem Kommers im Januar und einem rauschenden Fest im Hotel Reiss im Oktober gefeiert. Viele erinnern sich mit Freude daran, aber auch mit Wehmut, die durch die Namen der damaligen Vorstandsmitglieder verdeutlicht werden:

Herbert Topp   1. Vorsitzender
Hans Kunsch   2. Vorsitzender
Heinz Rübenkönig   1. Schriftführer
Hellmut Koeberich   2. Schriftführer
Heinz Bahrenberg   Beisitzer
Wolfgang Hagen   Beisitzer
Georg Kaufmann   Beisitzer
Arthur Zein   Beisitzer
Albert Gerke   Vergnügungsobmann
Willy Hiege   Vergnügungsausschuss
Heinz Weßling   Vergnügungsausschuss
Günther Zahn   Vergnügungsausschuss
Hans Jungermann   Vergnügungsausschuss
Jutta Maria Flaczek   Vergnügungsausschuss

Die letzten 25 Jahre Vereinsleben verliefen ähnlich wie zuvor geschildert.

Eine verstärkte Eingliederung erfuhren die Frauen unserer Mitglieder, die nicht nur Zu allgemein bildenden Vorträgen - zu den Vortragenden gehören oft Vereinsmitglieder, die besondere Reiseerlebnisse in ausgezeichneter Form und geschmückt mit vielen Farbaufnahmen schildern - sondern auch zu mancher Besichtigungsfahrt eingeladen wurden.

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die Altherren-Fahrten, die jährlich einmal stattfanden und unsere älteren Mitglieder zu frohen Fahrten in schöne Teile unseres engeren Heimatlandes führten. Bei entsprechender Beteiligung will der Vorstand diese Veranstaltungen wieder aufleben lassen.

Auch die Kinder- und Sommerfeste fanden großen Anklang. Wechselnde Festorte trugen zu ihrer außerordentlichen Beliebtheit bei. Über 20 Jahre lang luden wir Kinder des Auguste-Förster-Hauses in Fürstenhagen dazu ein; und sie kamen gern und schieden mit der Hoffnung, im nächsten Jahre wieder dabei sein zu können.

Ein weiterer Akzent wurde in der Zusammenarbeit mit de übrigen Bauingenieur- und Architekten-Vereinen Kassels gesetzt. Gemeinsam werden Vorträge von besonderer Bedeutung veranstaltet; jahrelang vergnügten wir uns gemeinsam zur Karnevalszeit bei der " Cementa" im Parkhotel Hessenland, die in den letzten Jahren vom Architekten- und ' Ingenieurball abgelöst wurde. Wir wollen dazu beitragen, dass diese Zusammenarbeit weiter gestärkt und vertieft wird.

Sinn der Aufzeichnung vereinsgeschichtlicher Ereignisse ist es, diese deutlich ins Blickfeld zu rücken, die Vergangenheit wach zu halten und an unsere jungen Vereinsmitglieder weiterzugeben. Die Besinnung auf die Vergangenheit und die Erkenntnis von Leistungen und Fehlern vermögen immer wieder Kraft zu spenden zur Meisterung gegenwärtiger Probleme.

Tradition gibt Ansporn zu neuem Schaffen, zur Erhaltung und Fortentwicklung kultureller, naturwissenschaftlicher und moderner technischer Errungenschaften.

Wenn auch der Glaube an Naturwissenschaft und Technik zur Zeit erschüttert ist, weil im Feld unserer erkrankten Umwelt der unendliche Zusammenhang der Natur unterschätzt worden ist und sich daher allgemein Unsicherheit ausbreitet,ist dies nicht in jedem Falle negativ zu bewerten. Unsicherheit kann auch der Beginn einer neuen Hoffnung sein, die uns befähigt, zu korrigieren und neue sinnvolle Ziele zu setzen und damit auch die Lebenskraft unseres Vereines für die Zukunft zu sichern.

Herbert EiselWerner Muhm

 


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